120. Deutsche Meisterschaften am 08./09. August 2020 in Braunschweig

Erstellt von Bernd Kunze | |   LG NORD

Doppeltes Silber und doppelte Bronze für das LG NORD-Team

Eine unsichere Corona-Nachzeit, nur begrenzte Wettkampfmöglichkeiten für die Athletinnen und Athleten, ein zuschauerleeres Stadion sowie eine Hitzeschlacht wie bei den Leichtathletik-Weltmeisterschaften vor einem Jahr in Doha, nur ohne Klimaanlage:

Das war die Ausgangssituation für diese nun doch stattfindenden nationalen Meisterschaften als deutscher Saisonhöhepunkt und leistungsmäßige Standortbestimmung in einem schwierigen und begrenzten Wettkampfjahr. Die vorgeschlagenen bzw. geforderten Hygiene-Regeln mussten strikt eingehalten werden, aber immerhin konnten auch die Mittel- und Langstreckenläufe, um die es lange Diskussion und Unsicherheiten gab, komplett durchgeführt werden.

Karolina Pahlitzsch mit Bestleistung über 400m zu Silber

Das Finale über 400m der Frauen war leistungsmäßig wohl eines der stärksten der zwei Meisterschaftstage. Ein Rennen dieser Klasse hat es seit 2001 nicht mehr gegeben und sechs Läuferinnen blieben unter 53 sec. Bereits im Halbfinale hatte Karolina Pahlitzsch als Zweite mit 52,69 sec. fast ihre bisherige persönliche Bestleistung (52,60 sec.) erreicht. Im Finale startete sie auf der Bahn 3, die Favoritinnen vor sich. Nach eher vorsichtigem Startbeginn hielt sie das Tempo ihrer Konkurrentinnen bis 300m gut mit und schloss auf der Zielgeraden mit einem starken Endspurt fast bis zur führenden Corinna Schwab (LG Telis Finanz Regensburg) auf. Die Bilanz dieses furiosen Laufes war eine neue persönliche Bestzeit von 51,88 sec. und die Silbermedaille als Vizemeisterin. Platz 3 ging mit einer Zeit von 52,15 sec. an Ruth Sophie Spelmeyer (VfL Oldenburg), die immerhin schon eine Bestleistung von 51,43 sec. vorzuweisen hatte.

Karolina war von ihrer schnellen Zeit selbst überrascht und sagte dazu im Interview von leichtathletik.de:
„… Aber so eine Zeit ist völlig unerwartet für mich. Durch die Corona-Zeit hatte ich richtige Ups und Downs. Manchmal gab es Wochen, in denen ich mich richtig gut gefühlt habe und manchmal lief es auch gar nicht, deswegen war ich mir vor den Deutschen Meisterschaften ziemlich unsicher, wie meine Form überhaupt ist.“

Eine Hitzeschlacht am späten Nachmittag bringt Silber für Rabea Schöneborn

Die 5.000m der Frauen waren am Sonntag zwar zu 18:00 Uhr im Braunschweiger Stadion angesetzt, aber die Temperaturen waren immer noch erdrückend warm. Für Alina Reh (SSV Ulm 1846), der Überraschungsmeisterin des Jahres 2018 über diese Distanz, war es diesmal ein einsames Rennen an der Spitze. Ab 2.000m übernahm sie die Spitze und lief das Rennen mit einer Zeit von 16:08,33 min. klar nach Hause. Dahinter gab es eine Verfolgergruppe, in der sich auch Rabea Schöneborn befand. Mit ihrer taktisch klugen Renneinteilung und mit einer ungeahnten Spurtfähigkeit zog sie auf der Zielgeraden an ihrer letzten Konkurrentin Domenika Mayer (LG Telis Finanz Regensburg) vorbei und erkämpfte sich die überraschende Silbermedaille. Mit der Zeit von 16:18,57 min blieb sie, trotz der schwierigen Bedingungen, nur knapp über ihrer bisherigen Bestleistung.

Während Luisa Boschan im letzten Jahr im Gesamtklassement den 11. Platz belegte, erkämpfte sie sich in diesem Hitzerennen mit einer Zeit von 16:41,62 min. den 7. Rang von insgesamt 15 Starterinnen.

Caterina Granz mit Bronze nach Meistertitel im letzten Jahr

Als Titelverteidigerin und Mitfavoritin ging Cati Granz, zusammen mit Hanna Klein (LAV Stadtwerke Tübingen), in das Finalrennen über 1.500m. Beide hielten sich zunächst im Hintergrund und andere machten die Pace. Nach 800m rückten beide stärker nach vorne und brachten sich für die letzte Runde in Stellung. Auf der Gegengerade kam der erwartete starke Antritt von Hanna, dem Cati nur anfangs folgen konnte. Auf der Zielgeraden setzte sich Klein dann noch deutlicher ab, Granz wurde im Zweikampf mit der ihr folgenden Vera Coutellier (ASV Köln) fest und musste ihre Kölner Konkurrentin kurz vor dem Ziel passieren lassen. In einer Zeit von 4:15,88 min. blieb Cati diesmal „nur“ die Bronzemedaille. Für die Siegerin Hanna Klein blieb die Uhr bei 4:13,71 min. stehen, für die Zweitplatzierte dann 4:15,49 min. Auch wenn für Cati Zeit und Platz nicht optimal waren, nach ihrem Halbfinale am Vortag war das Finale erst ihr zweites Rennen über ihre Spezialstrecke.

Mit einem wahren Leistungssprung zu Bronze

Mit ihrer vorjährigen Bestleistung von 12.65m war Caroline Joyeux zu diesen Meisterschaften gemeldet worden, weil die Verletzungen aus der Hallensaison doch langwieriger waren als erhofft. In der kurzen Phase zu den Deutschen Meisterschaften standen bei ihr nur der Sprint und wenige Weitsprünge auf dem Programm, wobei sich die persönliche Bestleistung mit 6,11m durchaus sehen lassen konnten.

Am Samstag stand nun der Dreisprung auf dem Programm und damit die Rückkehr zu ihrer Paradedisziplin. Zwar fehlten die beiden Favoritinnen und 14m-Springerin Kristin Gierisch (LAC Erdgas Chemnitz) und Neele Eckardt (LG Göttingen), aber Konkurrenz im Leistungsbereich von Caroline Joyeux war ausreichend vertreten.

Der Auftakt brachte für Caroline im ersten Versuch mit 12,77m gleich eine neue persönliche Bestleistung und eine Platzierung im Vorderfeld der neun Springerinnen. Nach einem Fehlversuch folgten 12,73m und anschließend wieder ein übertretener Sprung.

Der 4. Versuch, der auch in der Live-Berichterstattung der ARD zu sehen war, brachte den Leistungssprung nach vorne. Der Balken wurde gut getroffen, Hop – Step - Jump voll ausgetragen und nach einer guten Landung konnten 13,37m elektronisch gemessen werden.

Das war Platz drei des Wettbewerbs, persönliche Bestleitung mit einer Steigerung um 72 cm, neuer Berliner Rekord bei der U20 und U23 und natürlich LG NORD-Rekorde von der U20 bis zur Frauenklasse. Eine sensationelle und überraschende Bronzemedaille für das Eigengewächs der LG NORD-Jugendarbeit. Auch ein schöner Erfolg für ihren Trainer Byron Casfor, der sie zu dieser Leistungssteigerung geführt hat.

Hürden- und Hindernisdisziplinen ohne Fortüne

Am Start über 3.000m Hindernis stand Lennart Mesecke, dem fünften der letztjährigen U23-Europameistschaften in Schweden, zum Finale am Sonntagnachmittag im heißen Kessel des Braunschweiger Stadions. In Regensburg konnte der LG NORD-Athlet vor 14 Tagen eine neue persönliche Bestzeit in 8:40,98 min. erlaufen und damit schien ein hoffnungsvolles Abschneiden möglich. Es lief aber nicht rund bei Lennart und so musste er sich mit einem 8. Platz in der Zeit von 8:58,79 min. zufriedengeben. Wenig tröstlich wird für ihn gewesen sein, dass auch die beiden SCC’er, Fabian Clarkson und Johannes Motschmann, der im letzten Jahr noch im Dress der LG NORD gestartet war, ebenfalls nur die Plätze sechs und sieben knapp vor im belegen konnten.  

Nicht optimal lief es auch für Vanessa Hammerschmidt über die 100m Hürden im ersten Halbfinale. Auch wenn es nach einem guten Saisoneinstieg mit einer Zeit von 13,62 sec. leichte verletzungsbedingte Einschränkungen gab, war doch die Leistung mit dem 6. Platz in 13,94 sec. mehr als enttäuschend; eine Zeit unter 13,76 sec. hätte zum Finaleinzug gereicht.

Auch die 400m Hürden mit Lena Seifert und Johannes Wuthe standen unter keinem guten Stern. Verletzungsbedingt konnte Lena die letzten drei Wochen kaum entsprechend trainieren. Ihre Teilnahme ohne Schmerzeinwirkung kann dabei bereits als „Erfolg“ gesehen werden (6. Platz im Halbfinale mit 1:03,76 min.). Für Johannes hingegen, der im zweiten Halbfinale den 6. Platz mit einer indiskutablen Zeit von 55,58 sec. belegte, war die Welt nicht mehr in Ordnung. Mit der Einstellung seiner Saisonbestleitung von 53,63 sec. hatte er die Finalteilnahme sicher gehabt und die trainingsmäßigen Voraussetzungen waren allemal gegeben.

Enttäuschung für Carmen Schultze-Berndt über 1.500m

Im zweiten Halbfinale über die 1.500m der Frauen stand mit Carmen Schultze-Berndt unsere zweite LG NORD Starterin, neben Caterina Granz, am Start. Im ersten Halbfinale mit Cati wurde ein flotteres Tempo eingeschlagen als in diesem zweiten Rennen. Carmen musste hier in den ersten zwei Runden die Pace übernehmen, bevor Hanna Klein sich an die Spitze setzte. Das Tempomachen hatte für Carmen Kraft gekostet, so dass sie in der Endabrechnung nur den 6. Platz dieses Halbfinals in 4:29,32 min. erreichte. Die fünf Erstplatzierten eines jeden Rennens erreichten nach der festgelegten Vorgabe das Finale sowie zwei Zeitschnellste, die aber im ersten Lauf dabei waren. So war für Carmen als 13. beider Läufe der Traum vom Finale leider geplatzt.

Leistungssportwart zieht positive Bilanz der Meisterschaftstage

Jan-Gerrit Keil, Leitungssportwart des SC Tegeler Forst, fasst die Ergebnisse dieser besonderen und unter außergewöhnlichen Umständen stattgefundenen 120. Deutsche Meisterschaft in Braunschweig wie folgt zusammen:

„Wir können mit dem Abschneiden bei dieser DM, vor allem angesichts der erheblichen krankheits- oder trainingsbedingten Ausfälle von sicheren Endkampf-Kandidaten im Vorfeld (Jossie Graumann, Marc Koch, Stephan Hartmann, Deborah Schöneborn, Leonie Reuter, und Altmeister RaúlSpank), sehr zufrieden sein.

Vier Medaillen sind das beste LG NORD-Abschneiden bei einer DM der Männer und Frauen seit 2007. Während die Medaille von Cati Granz durchaus zu erwarten war, musste sich Karolina Pahlitzsch in einem sehr dicht gepackten Endlauf mit fünf persönlichen Bestleistungen dieser Läuferinnen durchsetzen, was mit neuem LG-NORD-Rekord und der ersten Zeit unter 52 sec. toll gelang. Rabea Schöneborn machte in einem Hitzerennen taktisch alles richtig und konnte im Endspurt Athletinnen mit besseren persönlichen Bestzeiten hinter sich lassen. Nicht zuletzt überzeugte Caroline Joyeux nach schwerer Verletzung mit einer großen Leistungssteigerung und einem neuen Berliner Rekord in der U20 und U23. Erfolgreichster Verein der Meisterschaft war wohl der TV Wattenscheid mit sieben Medaillen, da sehen wir als LG NORD mit vier nicht schlecht aus. Der SCC holte zwei Medaillen ebenso wie Lisa Kwayie für die NSF, die über 100m auch den einzigen Titel für Berlin gewinnen konnte.“

Zurück
Karolina Pahlitzsch holt Silber in einer Topzeit, Foto: footcorner
Rabea Schöneborn übersprintet Domenika Mayer überraschend zu Silber, Foto: footcorner
Caroline Joyeux mit einem wahren Leistungssprung, Foto: footcorner
Cati Granz nach ihrem Lauf (mit Vereinskamerad Lennart Mesecke), Foto: SCTF